Das Wichtigste in Kürze:
- Ayurveda ist ein traditionelles indisches Medizinsystem, das neben Ernährungsanpassungen auch Yoga, Meditation, Massagen sowie Nahrungsergänzungsmittel umfasst.
- Ayurveda gibt einige sinnvolle Empfehlungen zur Ernährung, wie die Bevorzugung unverarbeiteter Lebensmittel sowie das Beachten von Hunger und Sättigung.
- Neatic hält die theoretische Grundlage von Ayurveda für wissenschaftlich nicht haltbar. Einige Ernährungsempfehlungen sowie die positive Einstellung zu Yoga, Meditation und Massagen sind jedoch durchaus sinnvoll.
Was ist Ayurveda?
Ayurveda ist ein traditionelles Medizinsystem, das vor über 5.000 Jahren in Indien entstanden ist und oft als „Mutter der Medizin“ bezeichnet wird. Der Begriff „Ayurveda“ stammt aus dem Sanskrit und setzt sich aus den Wörtern „Ayus“ (Leben) und „Veda“ (Wissen) zusammen, was übersetzt „Wissen vom Leben“ bedeutet. Dieses ganzheitliche Gesundheitssystem zielt darauf ab, Körper, Geist und Seele in Einklang zu bringen, um Gesundheit und Wohlbefinden zu fördern. Ayurveda nutzt eine Vielzahl von Praktiken, darunter Ernährung, Yoga und Meditation, Massagen, Nahrungsergänzungsmittel und Reinigungskuren (Panchakarma). In Europa und Nordamerika wird Ayurveda weniger in der Medizin und mehr im Wellness-Bereich angewendet.
Was sind die fünf Elemente und drei Doshas?
Im Zentrum des Ayurveda steht die Lehre von den fünf Elementen: Erde, Wasser, Feuer, Luft und Raum (Äther). Diese Elemente werden als Bausteine des Lebens betrachtet. Alles Existierende enthält diese Elemente in unterschiedlichen Anteilen, und diese Anteile unterliegen einem permanenten Wandel. Auch die fünf Sinne können jeweils einem Element zugeordnet werden: Riechen entspricht der Erde, Schmecken dem Wasser, Sehen dem Feuer, Fühlen der Luft und Hören dem Raum.
Die fünf Elemente wiederum manifestieren sich im menschlichen Körper in Form von drei grundlegenden Lebensenergien, den sogenannten Doshas: Vata, Pitta und Kapha.
- Vata repräsentiert die Elemente Luft und Raum. Es reguliert alle Bewegungen im Körper, einschließlich Atmung, Blutfluss und Nervensignale.
- Pitta verkörpert Feuer und Wasser. Es steuert Verdauung, Stoffwechsel und Körpertemperatur.
- Kapha besteht aus Erde und Wasser. Es sorgt für Stabilität, Schmierung der Gelenke und den Aufbau von Gewebe.
Ein Gleichgewicht der Doshas ist entscheidend für Gesundheit und Wohlbefinden. Ungleichgewichte können zu physischen und psychischen Beschwerden führen. Jeder Mensch hat eine individuelle Konstitution, die Prakriti genannt wird. Diese basiert auf der einzigartigen Kombination der Doshas:
- Vata-Typ: Schlank, energiegeladen, kreativ, neigt zu trockener Haut und unregelmäßiger Verdauung.
- Pitta-Typ: Mittlerer Körperbau, zielorientiert, entschlossen, neigt zu Hautirritationen und Sodbrennen.
- Kapha-Typ: Kräftig gebaut, ruhig, geduldig, neigt zu Gewichtszunahme und langsamer Verdauung.
Es gibt auch Mischtypen, bei denen zwei oder alle drei Doshas gleichzeitig dominieren.
Woraus besteht die Diagnostik?
Die ayurvedische Diagnostik verfolgt das Ziel, Ungleichgewichte der Doshas sowie mögliche Störungen im Körper zu erkennen und individuelle Behandlungsstrategien zu entwickeln. Dabei kommen Anamnese, Pulsdiagnostik, Zungendiagnostik und Untersuchung des Körpers zum Einsatz.
Die Anamnese beinhaltet eine detaillierte Befragung des Patienten. Hierbei werden Tagesablauf, Schlafgewohnheiten, körperliche Aktivität, Ernährung und Beschwerden gezielt erfragt. Diese Befragung hilft, mögliche Ursachen für das Ungleichgewicht der Doshas zu identifizieren und die individuelle Konstitution des Patienten zu bestimmen.
Die Pulsdiagnostik (Nadi Pariksha) ist eine zentrale Methode. Der Puls wird an drei verschiedenen Stellen am Handgelenk ertastet, wobei jede Stelle einem der drei Doshas zugeordnet ist. Der Praktizierende analysiert die Geschwindigkeit, Regelmäßigkeit und Stärke des Pulses. Diese Informationen sollen Hinweise geben auf das momentane Dosha-Gleichgewicht, den energetischen Zustand der Organe sowie eventuelle Störungen oder Blockaden.
Die Zungendiagnostik (Jihva Pariksha) ist ein weiteres wichtiges Instrument, um den Gesundheitszustand zu beurteilen. Die Zunge wird dabei als Spiegelbild des Körpers betrachtet, wobei bestimmte Bereiche der Zunge verschiedenen Organen zugeordnet werden. Die Analyse umfasst Farbe der Zunge, Belag, Risse, Schwellungen und Feuchtigkeit.
Zudem erfolgt eine Untersuchung von Haut, Augen, Körperhaltung, Gang, Nägeln und Haaren sowie des Körperbaus: Die Konstitution sowie die Fett- und Muskelverteilung helfen, den Dosha-Typ des Patienten einzuschätzen.
Welche Ernährungsempfehlungen werden gegeben?
Ayurvedische Therapien zielen darauf ab, das Dosha-Gleichgewicht wiederherzustellen.
Die Ernährung berücksichtigt folgende grundlegende Regeln:
- Nur bei Hunger essen.
- Regelmäßige Mahlzeiten, keine Zwischenmahlzeiten.
- Mittags die Hauptmahlzeit, abends nur leichte Kost.
- In ruhiger Umgebung essen, ohne Ablenkung oder Gespräche.
- Nie im erregten Zustand essen, während des Kauens nicht sprechen.
- Mindestens 3 bis 6 Stunden Essenspause nach der letzten Mahlzeit.
- Sich nie völlig satt essen.
Bezüglich Nahrungsmitteln werden folgende allgemeine Empfehlungen ausgesprochen:
- Empfohlen: Reis, Ghee, Sesam, Obst, Gemüse, gekochte Milch, Quellwasser, Kräutertee sowie Gewürze wie Kurkuma, Ingwer und Kreuzkümmel.
- Weniger empfehlenswert: Fleisch, Geflügel, Fisch, Eier, Käse, verarbeitete Lebensmittel.
- Verboten: Alkohol, Kaffee, kohlensäurehaltige Getränke, Schokolade.
- Frische, leicht verdauliche und naturbelassene Speisen werden bevorzugt.
- Die Ernährung sollte zudem ausgewogen und vollwertig sein; einzelne Nährstoffe stehen nicht im Fokus.
Abhängig von der individuellen Konstitution gibt es zusätzliche spezifische Empfehlungen:
- Vata-Typ: Wärmende, nährende Speisen mit gesunden Fetten bevorzugen; kalte und trockene Lebensmittel vermeiden.
- Pitta-Typ: Kühlende, bittere und süße Speisen bevorzugen; scharfe, saure und salzige Lebensmittel reduzieren.
- Kapha-Typ: Leichte, trockene und warme Speisen bevorzugen; schwere, ölige und süße Lebensmittel vermeiden.
Welche Therapien existieren neben den Ernährungsempfehlungen?
Folgende vier Therapien ergänzen die ayurvedischen Ernährungsempfehlungen:
- Yoga und Meditation: Yoga umfasst körperliche Übungen (Asanas), Atemtechniken (Pranayama) und Dehnungspositionen, die systematisch durchgeführt werden. Meditation beinhaltet das Sitzen in Stille, die Fokussierung auf den Atem oder das Rezitieren von Mantras, oft in geführten Sitzungen oder individuell.
- Massagen: Ayurvedische Massagen werden mit warmen, mit Kräutern angereicherten Ölen durchgeführt, die in die Haut einmassiert werden. Spezielle Techniken wie Shirodhara (Ölguss auf die Stirn) oder Trockenmassagen mit Kräuterpulver werden ebenfalls angewandt.
- Nahrungsergänzungsmittel: Hierbei werden verschiedene Formen wie Tees, Pulver, Tabletten oder Öle zubereitet und angewendet. Sie können auch als Pasten auf die Haut aufgetragen oder für Einläufe genutzt werden.
- Panchakarma: Panchakarma umfasst fünf Hauptmethoden, darunter therapeutisches Erbrechen (Vamana), Abführen (Virechana), Einläufe (Basti), Nasenreinigung (Nasya) und Aderlass (Raktamokshana), die durch vorbereitende Maßnahmen wie Ölmassagen ergänzt werden.
Was sagt die Wissenschaft?
Trotz der großen Beliebtheit von Ayurveda sind nur wenige belastbare wissenschaftliche Daten zu seinen gesundheitlichen Effekten verfügbar.
In einer kleinen Pilotstudie wurde nachgewiesen, dass innerhalb von 9 Monaten unter einer ayurvedischen Therapie, welche Ernährungsempfehlungen und Yoga umfasste, das Körpergewicht um 5,9 kg verringert wurde. Allerdings gab es in dieser Studie keine Kontrollgruppe, mit der die Therapieeffekte verglichen werden konnten. Zudem war die Studie sehr klein, und von 17 ursprünglichen Teilnehmenden waren nach 9 Monaten lediglich Daten von 10 Personen verfügbar.
Es gibt vielfältige Hinweise, dass Yoga und Meditation gesundheitsfördernde Eigenschaften haben. So zeigte sich in einer Meta-Synthese aus 19 Übersichtsarbeiten, dass eine Kombination verschiedener Yoga-Techniken – wie Körperübungen, Atemtechniken und Meditation – besonders effektive therapeutische und präventive Wirkungen hat. Diese kombinierten Ansätze waren bei Erkrankungen wie Bluthochdruck, Diabetes oder Depressionen Interventionen überlegen, bei der nur eine Technik verwendet wurde. In einer experimentellen Studie mit 92 Teilnehmenden ohne Yoga-Kenntnisse untersuchte dasselbe Team zudem die Wirkungen verschiedener Kombinationen von Bestandteilen der Yogapraxis und stellte fest, dass die Verbindung von Yoga und Meditation besonders wirksam beim Stressabbau ist.
Auch für Massagen wurden gesundheitsfördernde Effekte beschrieben. So zeigte ein systematisches Review, dass eine Massagetherapie kurzfristig zu einer moderaten Schmerzreduktion und verbesserten Funktion (z. B. bessere Beweglichkeit) bei Menschen mit akuten und chronischen Rückenschmerzen beiträgt. Diese Effekte waren vergleichbar mit Methoden wie Akupunktur oder physikalischer Therapie. Zu langfristigen Wirkungen von Massagen gab es jedoch deutlich weniger belastbare Studien.
Ayurvedische Nahrungsergänzungsmittel können erhebliche Mengen giftiger Schwermetalle wie Blei, Quecksilber und Arsen enthalten, was zu schweren Vergiftungen führen kann. Untersuchungen des Bayerischen Landesamts für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit ergaben, dass 60 % der getesteten Proben solche Schwermetalle aufwiesen, mit teils extremen Überschreitungen der Richtwerte. Verbraucher sollten daher beim Kauf auf Produkte mit ISO 9001-Standard oder dem Prüfzeichen des Bundesverbandes deutscher Industrie- und Handelsunternehmen achten und keine ayurvedischen Produkte aus dem Ausland mitbringen.
Für Panchakarma-Verfahren wie Einläufe und therapeutisches Erbrechen gibt es keine belastbaren wissenschaftlichen Daten. Diese invasiven Methoden können schwerwiegende Nebenwirkungen wie Schleimhautreizungen, Flüssigkeitsverlust und Kreislaufprobleme verursachen.
Was sagt Neatic?
Ayurveda gibt sinnvolle Empfehlungen zur Ernährung, wie die Bevorzugung unverarbeiteter Lebensmittel sowie das Beachten von Hunger und Sättigung. Insbesondere der Fokus auf unverarbeitete oder minimal verarbeitete Lebensmittel deckt sich mit Neatic. Mehr Informationen zu hochverarbeiteten Lebensmitteln findest du hier. Allerdings sind einige Empfehlungen, wie das Verbot von Kaffee und Schokolade sowie die Einschränkung von Käse, nicht durch solide Daten gedeckt und damit zu strikt. Die spezifischen Empfehlungen, die von der individuellen Konstitution abhängen, sind wissenschaftlich ebenfalls nicht nachvollziehbar. Auch werden für die sinnvollen Ernährungsempfehlungen die traditionellen Konzepte der fünf Elemente und drei Doshas nicht benötigt.
Yoga und Meditation haben eine gute Evidenzlage, insbesondere bei der Reduktion von Stress, der Verbesserung der mentalen Gesundheit und der Förderung von Flexibilität und Wohlbefinden. Auch Massagen zeigen positive Effekte, insbesondere bei Stressabbau, Schmerzlinderung und der Unterstützung der Muskelerholung. Die Wirksamkeit dieser Behandlungen ist jedoch ebenfalls nicht abhängig von den traditionellen Konzepten der fünf Elemente und drei Doshas.
Ayurvedische Nahrungsergänzungsmittel sollten mit Vorsicht betrachtet werden, da sie in einigen Fällen Schwermetallbelastungen aufweisen können und unzureichende Daten zu ihrer Wirksamkeit vorliegen. Panchakarma-Verfahren wie Einläufe und therapeutisches Erbrechen sind mit erheblichen Risiken verbunden und sollten wegen der mangelnden wissenschaftlichen Grundlage nicht durchgeführt werden.
Literaturverzeichnis
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Matko, Karin; Bringmann, Holger C.; Sedlmeier, Peter (2021): Effects of Different Components of Yoga: A Meta-Synthesis. OBM Integr Complement Med 06 (03), S. 1. DOI: 10.21926/obm.icm.2103030.
Matko, Karin; Sedlmeier, Peter; Bringmann, Holger C. (2021): Differential Effects of Ethical Education, Physical Hatha Yoga, and Mantra Meditation on Well-Being and Stress in Healthy Participants-An Experimental Single-Case Study. Front Psychol 12, S. 672301. DOI: 10.3389/fpsyg.2021.672301.
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Verbraucherzentrale.de (2025): Ayurvedische Nahrungsergänzungsmittel | Verbraucherzentrale.de. Online verfügbar unter https://www.verbraucherzentrale.de/wissen/lebensmittel/nahrungsergaenzungsmittel/ayurvedische-nahrungsergaenzungsmittel-5129, zuletzt aktualisiert am 11.02.2025, zuletzt geprüft am 11.02.2025.